Das Watterbacher Haus – ein
Museum für den Wald
Der kleine Ort Preunschen bei Kirchzell hat zwar nur 270 Einwohner,
aber gleich zwei Anziehungspunkte: die staufische Burgruine Wildenberg
und das Waldmuseum Watterbacher Haus. Während die Burgruine
ein wildromantisches Ausflugsziel ist, können sich die Besucher
des Museums über die waldgeschichtliche Entwicklung und seinen
Nutzen als Lebensgrundlage für die Bevölkerung eindrücklich
informieren. Doch auch das Gebäude selbst ist eine Sehenswürdigkeit.
Den Namen trägt es, weil es ursprünglich im nahen Watterbach
stand. Seither ist das gesamte Haus zweimal umgezogen, bis es in
Preunschen seinen letzten Standort fand. Der Aufwand hat seinen guten
Grund, denn das Fachwerkhaus – ein inzwischen kaum mehr zu
sehender Firstständerbau – gilt als das älteste Wohn-Stall-Haus
des Odenwaldes. Seit 1467 hat das Haus Kriege, Pilz und Schwammbefall überstanden.
Nach der Übersiedelung an den Ortsrand von Preunschen fragte
man sich dort nach einer zukünftigen Nutzung für die Öffentlichkeit.
Im Nachhinein erscheint die Idee, ein Waldmuseum einzurichten, völlig
stimmig: In einer Region, in der ein großer Teil der Bevölkerung
seit jeher vom Wald lebte, finden sich geschichtliche Überlieferungen,
alte Fotoaufnahmen und Arbeitsgeräte zuhauf. Und so wirkt das
1997 eröffnete Museum ungeheuer lebendig. Gleich eingangs wird
der Besucher auf das Thema Wald eingestimmt: Ein großes Gemälde
zeigt einen ursprünglichen Wald, davor die Replik eines Beils
aus der Jungsteinzeit. Demgegenüber findet sich das Foto einer
Fichtenmonokultur, vor der eine Motorsäge liegt. „Willst
Du den Wald vernichten, so pflanze nichts als Fichten“ - dieser
Lehrsatz steht am Ende einer forstgeschichtlichen Entwicklung, die
schon seit Jahrhunderten einen Ausgleich zwischen Nutzungswünschen
und Erhaltung sucht.
Der Monokultur gegenüber stehen die fünf maßgeblichen
Baumarten, die für einen Mischwald charakteristisch sind. Lärche,
Eiche, Buche & Co. sind mit raumhohen Stämmen, ihren Früchten
und Blättern vertreten – anschauliches Lehrmaterial für
Schulklassen, die das Museum gerne besuchen. Hinter Glas, aber ein
absolutes Highlight, ist die 31-bändige Holzbibliothek aus dem
Fürstenhaus zu Leiningen. Seit dem 18. Jahrhundert wurden diese
Xylotheken als Studienmaterial für angehende Forstwirte genutzt:
Früchte, Samen, Blätter, Rinde, und Äste einzelner
Bäume sind in buchförmigen Kästchen aufbewahrt, die
immer aus dem Holz des jeweiligen Baumes gefertigt sind.
Wachsende Bevölkerung und steigender Holzbedarf führten
zur Verödung großer Waldflächen, was zu einer Wiederaufforstungswelle
führte. In diesem Zusammenhang spielen die Zapfenpflücker
eine ganz besondere Rolle. Zur Samengewinnung wurden tonnenweise
Zapfen benötigt, die erst von den Bäumen geholt werden
mussten. Diese gefährliche Arbeit übten in der Gegend von
Kirchzell ab Mitte des 19. Jahrhunderts viele Handwerker aus, die
im Winter keine Arbeit fanden. Nur mit Steigeisen an den Stiefeln
erkletterten sie die Bäume und pflückten im Akkord. Aus
Zeitersparnis schwangen sie sich oft von einem Wipfel zum anderen,
was böse enden konnte. Einen Zapfenpflücker gibt es noch
heute in Preunschen – im Film kann ihm bei seiner Arbeit zugesehen
werden.
Auch die unterschiedlichen Waldnutzungen sind ein Thema. Von der
Schweinemast über Wilderei und Jagd führt die Ausstellung
zu vielen anderen, größtenteils ausgestorbenen Waldberufen.
Köhler, Pottaschebrenner und Pechsieder hatten neben Beerensammlerinnen,
Steinhauern und Korbmachern ihre Lebensgrundlage im Wald.
Natürlich dürfen die Waldarbeiter nicht fehlen. Vom Anreißen übers
Fällen bis zum Holzrücken werden alle Arbeitsabfolgen gezeigt.
Riesige alte Handsägen, schwere Wendehaken und weitere Werkzeuge
machen zusammen mit alten Fotos deutlich, welche schwere Arbeit dabei
geleistet wurde. Gegen die schweren Arbeitsgeräte muten die
ausgestellten Motorsägen fast wie Spielzeug an.
Holz als wichtiges Material für die Wirtschaft und wachsenden
Städte spielte noch bis ins letzte Jahrhundert eine wichtige
Rolle, dessen Transportwegen die Besucher in einer einstündigen
Dokumentation folgen können. Doch dieser Film ist nur ein Zusatz-Angebot – ansonsten
kommt das Museum völlig ohne elektronische Medien aus und konzentriert
sich auf die Geschichte der Region im Zusammenhang mit dem Wald.
Ein lohnenswerter Besuch ist es allemal! (Andrea Kroll)
Waldmuseum Watterbacher Haus, Preunschen 1, 63931 Preunschen. Öffnungszeiten:
April bis September: Mi, Sa , So und an Feiertagen 11 bis 17 Uhr.
Oktober bis März: Sa., So. und an Feiertagen 12 bis 16 Uhr.
Führungen können unter der Telefonnummer 09373-97430 vereinbart
werden.