Outback im GesprÄch mit Ralf
KÖnig
Der bewegte Mann und Schöpfer der
Knollennasen ist auf den Hund gekommen
Er
ist der König der Knollennasen: Ralf König, 1960 in Soest
bei Westfalen geboren und inzwischen in Köln zu Hause, avancierte
mit seinen Schwulcomix zu einem der bekanntesten Comic-Zeichnern
Deutschlands. Seine Bildgeschichten mit den typischen Knollennasen-Figuren
erschienen in 17 Ländern und wurden in elf Sprachen übersetzt.
Er erhielt dafür Auszeichnungen wie den „Max und Moritz
Preis“ als bester deutschsprachiger Comic-Künstler oder
wurde in Barcelona als „Bester internationaler Comic-Zeichner“ geehrt;
für den Film „Der bewegte Mann“ mit Till Schweiger
nach einer Comic-Vorlage von ihm erhielt er 1995 den Bundesfilmpreis.
So eine Entwicklung geschieht natürlich nicht von heute auf
morgen. Bekannt ist, dass Ralf König in jungen Jahren zunächst
eine gutbürgerliche Ausbildung als Schreiner absolvierte und
sich dabei langsam ans Zeichnen herantastete - oder wie er es selbst
beschreibt: Ich war 15, hatte lange Haare und keinen Plan. Ich war
Scheiße in Mathe und kam von der Hauptschule, und meine Eltern
steckten mich in diese Möbelfabrik, denn „Holz ist Zukunft“,
sagte mein Vater. Ich hab den Job gehasst und nur Schiss gehabt,
dass ich mir an so ´ner Kreissäge mal die Finger abschrappel.
Comics hab ich schon als Kind gezeichnet, aber eher so Abenteuercomics
von Weltraummonstern und Schwert schwingenden Barbaren.
Später absolvierte er ein Studium „Freie Grafik“ in
Düsseldorf, während dessen erste Comics von ihm veröffentlicht
wurden. Damals war die Schwulenbewegung im Entstehen, es gab noch
nicht viel Literatur über Homosexualität, jedenfalls wenig,
was nicht verkrampft oder homophob war. Wir mussten uns neu erfinden,
und es gab selbst gemachte linkspolitische Hefte, die ich mit kleinen
Comics versorgte, sehr schlechte Sachen noch, aber es wurde alles
gedruckt damals. Ein schwuler Comiczeichner, der die Misere mit Humor
nahm, das war sowieso neu. Der Rosa Winkel Verlag war interessiert
ein ganzes Heftchen von mir zu drucken, in Auflage von 500 Stück. Grottenschlechtes Zeug, aber immerhin der Anfang von allem. Das erste
Schwulcomix wurde später zu fetten Sammlerpreisen verhökert.
.
Weitere Comics, Erfolg und Anerkennung kamen im Lauf der nächsten
Jahre hinzu – auch bei Heteros wurden seine Geschichten aus
dem schwulen Mikrokosmos überaus beliebt, was sich Ralf König
so zu erklären versucht: Es wird eine Mischung sein aus Voyeurismus
und Widererkennungseffekt, der den Heteros Spaß macht. So verschieden
sind die Welten ja nicht und besonders Frauen finden es spaßig,
zu lesen wie Männer drauf sind, wenn es um Sex geht und sie
selbst als „Störfaktor“ wegfallen.
Interessant ist in dem Zusammenhang die Frage, ob er aufgrund der
expliziten Darstellung von Sexualakten und Geschlechtsteilen Erfahrungen
mit selbsternannten Moralaposteln oder gar Zensur machen musste,
und in der Tat gab es hier einen Vorfall: Da war diese Geschichte
mit dem bayrischen Landesjugendamt und einem durchgeknallten Staatsanwalt
in Meinigen, die ließen Bücher wie „Bullenklöten“ und „Kondom
des Grauens“ im ganzen Land beschlagnahmen, nicht nur meine
Comics, auch die von Walter Moers und sogar“ Maus“ von
Art Spiegelman, obwohl keines der Bücher auf dem Index stand.
Das ganze war ein Skandal und sehr lächerlich, die Presse war
da sehr auf meiner beziehungsweise unserer Seite. Ich hab die Aufregung über
Pornografie auch nie verstanden, bei mir sind die Nasen schließlich
immer dicker als der Pimmel. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende
Schriften schmetterte das denn auch ab, die Comics sind für
Erwachsene und letztlich Kunst. Seitdem bin ich scheinbar geadelt
und hatte nie mehr Probleme.
Inwiefern verarbeitet König in seinen Comics eigentlich Autobiografisches?
So kommt in seinen Geschichten beispielsweise immer wieder dieser
südländische Typ Mann vor, behaart, muskulös und Macho
durch und durch. Ich hatte in der Tat des Öfteren im Leben mit
solchen Männern zu tun, wenn das auch nicht solche muskelprotzenden
Kleiderschränke waren wie zum Beispiel Ramon in „Bullenklöten“.
Das ist eher Klischee, ich find Klischees auch in Ordnung, solange
ein Stück Wahrheit darin steckt. Ich selbst stand eher auf die
kleinen kompakten behaarten Südländermachos, denen die
Neurosen schon in den Bambi-Augen standen, aber hab mich mit denen
auch öfter im Leben richtig auf die
Schnauze
gelegt und brauch das heute nicht mehr. Wie bei jedem Autor, der
nicht über Weltraummonster schreibt, haben die Geschichten etwas
mit mir und meinem Erleben zu tun, klar. Aber nicht auf den Punkt
genau. Teils ist es reiner Quatsch, teils angeregt durch Leben, teils überspitzt.
Keine meiner Figuren gibt es real, aber viele Figuren gibt es ein
bisschen in jedem Leser. So erkennt sich jeder wieder, aber keiner
ist gemeint.
Im September erschien sein neues Album „Roy & Al“,
das erstmals Hunde von schwulen Männern statt deren selbst als
Hauptdarsteller hat, was für ihn eine logische Entwicklung war:
Ich bin mit Hunden aufgewachsen, in meiner Familie spielten alle
möglichen Tiere immer eine große Rolle. Ich frage mich,
warum ich nicht eher auf den Gedanken gekommen bin, was mit sprechenden
Tieren zu machen. „Roy & Al“ zu zeichnen ist geil,
die waren erst als Maskottchen für das Kontaktportal Gayroyal.de
gedacht, aber dann hatte ich schnell ganze Geschichten im Kopf und
konnte gar nicht so schnell zeichnen wie ich Ideen hatte.
Einige seiner Alben wurden verfilmt, zwar zum Teil mit großem
Erfolg an den Kinokassen, aber nicht immer zu Ralfs Zufriedenheit:
Ich rede ungern über diese Filme, denn die hab ich nicht gemacht.
Sie bleiben mir irgendwie Fremdkörper. Der bewegte Mann war
mir zu kommerziell und angepasst, Kondom des Grauens war ein Desaster
der Dilettanten. „Wie die Karnickel“ mag ich noch am
ehesten, wenn ich auch viele Kompromisse eingehen musste, besonders
beim Schluss - und die Dreharbeiten eher ein Kampf gegen alle humorlosen
Instanzen waren. Ich mach mit den Comics meine eigenen Filme, und
zwar 1:1 aus meinem Bauch raus. In Spanien wurde meine „Lysistrata“ verfilmt,
und zwar sehr viel lockerer und liebevoller als hierzulande“.
Heiko Weigelt