Der doppelte Tauchgang, ganz
ohne Tageslicht
Fast schon ein Viertel Jahrhundert alt:
Das Theater Mobile in Zwingenberg
Auf
die Frage, wie sich das Theater Mobile in Zwingenberg für sie
anfühlt, stutzt Julia Schlipf. „Unterschiedlich“,
sagt die Vierundzwanzigjährige, die in der kleinen Theatermannschaft
sowohl Darstellerin, wie auch die Chefin des ganzen Betriebs ist. „Als
Ensemblemitglied fällt mir dazu die große Homogenität
und Harmonie unserer Truppe auf. Da ist es ein Ort der Entspannung
und der schönen menschlichen Kontakte. Als Vorsitzende des Theatervereins
ist das Mobile aber alles andere als Entspannung für mich.“ Stattdessen
sei es Stress, bringe Terminprobleme und viel Organisationsarbeit, „und
der oft aussichtslose Versuch viele unterschiedliche Menschen und
deren Interessen unter einen Hut zu bringen.“
Julia Schlipf gehört erst seit zwei Jahren zum Theater Mobile
und ist gerade im März diesen Jahres dessen Vorsitzende geworden. Über
eine Schülertheatergruppe am Schuldorf Bergstraße und über
die unter anderem von ihr initiierte Theatergruppe „Maskerade“ kam
die Krankenschwester einst zum Mobile.
Das gibt es seit 1980. Damals gründeten einige Theaterverrückte
die „Neue Theatergruppe Bensheim“. Sie zogen von Bühne
zu Bühne, lieferten auf fremdem Terrain Gastspiele. Irgendwann
machte sich die Truppe auf die Suche nach einem Domizil und landete
nach Gesprächen mit der Stadt Zwingenberg, der das Gebäude
des Alten Amtsgerichts gehört, in dessen Gewölbekeller.
Damals, erinnern sich die Veteranen, brachte noch jeder Gast seinen
eigenen Stuhl zu den Aufführungen mit. Es fehlte an mehr als
nur dem Nötigsten. Ende der achtziger Jahre wurde der Keller
dann von der Stadt zum Theater ausgebaut. Das Mobile hatte eine Heimat
und damit nicht mehr das übliche Dauerschicksal vieler Laienbühnen
entlang der Bergstraße zu erdulden: Keine festes Domizil zu
haben. „Wir haben schon eher das Problem, genügend Zuschauer
zu bekommen“, gesteht Julia Schlipf freimütig und uneitel.
An der Öffentlichkeitsarbeit mangele es und irgendwie werde
das Theater noch immer nicht in einem Atemzug mit seinem Standort
Zwingenberg oder seiner Heimstätte, dem Amtsgerichtskeller.
Gut 100 Leute fasst der Theatersaal. Technik- und Regiestand sind
in einem ehemaligen Fahrkartenverkaufshäuschen vom alten Zwingenberger
Bahnhof untergebracht. Das wurde abgebaut und im Keller des Mobile
wieder zusammengezimmert. Es ist das augenfälligste Detail des
Mobile. Aber nicht das einzige. Allzu unwirtliche Ecken im Kellergewölbe
werden selbstbewusst mittels Strahlern in Szene gesetzt und – derart
akzentuiert – zum Stilmittel erhoben. Vor und nach den Vorstellungen
und in den Pausen gibt es Bewirtung. Und das in einem Umfang und
einer
Qualität, die sich wohltuend von den Theatern abhebt, die zur
Pause lediglich den obligaten Schoppen Wein und eine abgepackte Brezel
im Angebot haben.
Das Theater Mobile ist mehr als eine Laienbühne. Zwei eigene
Aufführungen pro Jahr stellen die rund 50 Mitglieder auf die
Beine. „Keine Dialektstücke“, betont die Chefin. „Ansonsten
alles. Krimis, Komödien, die Weihnachtsgeschichte oder unsere
gerade zu Ende gegangenen Gruselkammerspiele.“ Nicht festgefahren
sei das Mobile eben bei der Auswahl seiner Stücke.
Ü ber die Eigenproduktionen hinaus treten regelmäßig Gastkünstler
im Mobile auf. Walter Renneisen liest, „Kabaratz“ macht Kabaratz,
die Preisträger des Reinheimer Satirepreises „Schwarze Grütze“ waren
schon im Mobile-Keller, ebenso wie Christoph Siebert, Gewinner des Satirelöwen.
Von dem Kindertheater „Kreuz & quer“ gibt es regelmäßige
Auftritte, Schülertheater aus dem ganzen Umkreis treten auf, selbst Bauchtänzerinnen
waren schon auf der Bühne. „Vielfalt“, sagt Julia Schlipf dazu. „Wir
sind experimentierfreudig. Das wollen wir unbedingt sein. Es ist eine unserer
Eigenschaften.“
Nicht an jedem Wochenende ist bislang im Mobile Programm. „Das
wäre so ein Zukunftstraum: Jedes Wochenende etwas auf die Bühne
zu bringen.“ Dazu, lässt Julia Schlipf durchblicken, muss
sich aber der Kreis der Aktiven in dem kleinen Theaterverein noch
gehörig erweitern.
Für neue Mitstreiter rührt die Bensheimerin ständig
die Werbetrommel. Und bricht dabei eine Lanze für ihr Theater.
Das Mobile als doppelter Tauchgang: „Theater zu spielen, bedeutet,
in andere Rollen zu schlüpfen, mal abzutauchen in einen anderen
Menschen, der man selber ist.“ Doch für Julia Schlipf
gibt es noch den anderen Aspekt des Abtauchens beim Mobile. „Ich
mag unseren Theaterkeller sehr. Er wirkt schützend, behaglich,
dunkel und ruhig. Tageslicht gibt es dort ja nicht. Man kann also
auch als Zuschauer bei uns herrlich eintauchen. Und man muss dazu
nicht einmal auf der Bühne stehen.“ (Jürgen Buxmann)
Kontakt: Theater Mobile, Obertor 1,
Zwingenberg, Tel. 06251-79579.