Nichts für schwache Nerven
„Die Krauts“ aus Gräfenhausen entwerfen skurrile
Einrichtungsgegenstände
Der Totempfahl aus spitzem Metall ist erst der Anfang. Wer dem Wegweiser
zu den „Krauts“ im Weiterstädter Ortsteil Gräfenhausen
folgt, gelangt nach wenigen hundert Metern in eine bizarre Welt aus
futuristischen Möbeln, Metallskulpturen und Lampen. Schweißgerät
und Winkelschleifer sind das Handwerkszeug, Metall, Holz und Kunststoff
das Arbeitsmaterial der Künstler Peter Ratz (38) und Björn
Reimers (40) aus Dietzenbach. Sie nennen sich „Die Krauts“, „weil
der Name so klingt, wie wir sind: kauzig, handwerklich und ohne Schnörkel“,
beschreibt Ratz.
In ihrer Werkstatt im Sensfelder Hof entstehen zum Teil martialische
Einrichtungsgegenstände wie Lampen, Möbel, Skulpturen und
Dekorationen für ausgefallene Kundenwünsche. Meistens jedoch
toben sich die Objektkünstler nach eigenen Vorstellungen aus. „Oft
entwickele ich eine Idee, während ich daran arbeite“,
sagt Ratz. Dann entstehen Möbel und Skulpturen, wie die riesenhafte „Spinne“ aus
Metall mit meterhohen gezackten Beinen und aufgerissenem Maul. Nichts
für schwache Nerven ist auch „Der Thron des Osiris“ – ein
stählerner Fernsehsessel mit Schädel und Lederbezug. Beides
sind begehrte Mietobjekte für Messen und Veranstaltungen. Käufer
für die bis zu 13 000 Euro teuren Prototypen fänden sich
dagegen eher selten, sagt Ratz. „Wer will sich auch schon ein
solches Gruselteil in den Garten stellen“, sagt er und lacht.
Auf dem Sensfelder Hof stehe die schaurige Riesenspinne – wenn
sie nicht gerade vermietet sei – seit vier Jahren, was wohl
einer der Gründe ist, warum einige Gräfenhäuser ihre
schweißenden Nachbarn liebevoll „Die Wahnsinnigen“ nennen.
Einem futuristischen Gruselkabinett gleicht der Durchgang zum Büro
von Peter Ratz, der seit zwei Jahren auch skurrile Treppengeländer
aus Edelstahl und Kleinartikel herstellt. Im Gang funkeln den Besucher
bösartige Augen beleuchteter Stahlskelette
mit spitzen Haaren
aus Metallstäben an, an der Wand hängen Lampen in Insektenform.
Die mannshohen Computerkonsolen aus Stahl mit schwarzen Schläuchen
erwecken den Eindruck, mitten in einem Borg-Würfel aus einer
Star-Trek-Episode zu stehen. Ein bekannter Hingucker ist die „Knochenfräse“:
ein monströses Metallgefährt, halb Reptil, halb Motorrad,
mit einem Sägeblatt als Vorder- und einem Reifen als Hinterrad.
Das Werk war Attraktion in dem Laden, den Ratz und Reimers bis vor
wenigen Monaten in der Frankfurter Zeilgalerie betrieben hatten.
Wer „Die Krauts“ wochentags zwischen 9 und 17 Uhr besuchen
will, findet Ratz, Reimers und ihre Mitarbeiter meist in der von
blauen Metallfunken durchzuckten Werkstatt neben ihren Ausstellungsräumen.
Vorbild vieler Objekte der „Krauts“ ist der Biomechanische
Stil des Schweizer Künstlers H.R. Giger, der zahlreiche Figuren
für Horrorfilme entworfen hat, darunter die Kreatur in „Alien“.
Formen aus der Natur bilden die Vorlagen für das exklusive Design
der Lichtobjekte, auf die sich Reimers mit seinem eigenen Unternehmen „Die
Krauts Lichtgestalten“ spezialisiert hat. So entstand der „Meltau“,
eine Lampen-Kreation, die er nach einer Abbildung eines Schlauchpilzes
in einem Buch über Kleinstlebewesen entworfen hat. Für
Reimers sind die Metallfiguren mittlerweile Vergangenheit, sagt er.
Er fertigt mit seinen Mitarbeitern ausschließlich Lichtobjekte
an, die weltweit auf großes Interesse stoßen.
Seit fast 20 Jahren schockieren und faszinieren die „Krauts“ mit
ihren bizarren
Objekten, die sie irgendwo zwischen Kunst und Design
ansiedeln. Ihre Grenzen sind dabei klar. Von okkulten, militanten
oder gar faschistoiden Ideologien distanzieren sie sich. Den typischen
Kunden gebe es nicht, sagt Ratz. Zwischen 30 und 50 Jahre seien die
Interessenten alt, oft sind es Geschäftsleute von Bars, Boutiquen
und Internet-Cafés, die ihren Einrichtungen mit Objekten der „Krauts“ zu
einem ganz besonderen Ambiente verhelfen. Wer ein Objekt aus der
Möbelschmiede kaufen möchte, muss allerdings etwas tiefer
in die Tasche greifen: Rund 1000 Euro kostet eine Lampe, Möbelstücke
sind ab etwa 300 Euro zu haben.
Drei unterschiedliche Homepages führen zu den „Krauts“:
www.die-krauts.de, www.diekrauts.de, www.krauts-lichtgestalten.de.
Kontakt: Tel. 06150 866176, Werkstatt: 06150 865748, Vertrieb: 06150
866861
Sabine Eisenmann