Mikrohobel und Großklang
Caroline Krömmelbein und Wolfgang
Kury bauen Geigen für Konzertsolisten
Wer
anspruchsvolle Holzstreichinstrumente baut, braucht Bienen. Denn
die liefern das wertvolle Propolis, einen Baustoff für die Bienenwaben.
Bei den Holzstreichinstrumenten wird Propolis - im Grunde ein Harz
- als Bestandteil für den Lack verwendet. Kurzerhand sind die
beiden Geigenbaumeister Caroline Krömmelbein (29) und Wolfgang
Kury (35) auch noch Imker. „Wir produzieren unser Propolis
eben selbst“, sagt Krömmelbein. Ihr Atelier für Streichinstrumentenba“ haben
sie in diesem Jahr in Seeheim-Jugenheim eröffnet.
Wer in einer der ruhigeren Ecken Jugenheims aus dem Atelier mit seinen
beiden Fenstern über der breiten Werkbank nach draußen
schaut, schaut nicht auf Bäume, er schaut in Bäume. „Diese
Ruhe und Beschaulichkeit ist wichtig für unsere Arbeit“,
sagt Kury. Das Atelier ist aufgeräumt, irgendwie scheint die
Atmosphäre darin das vorzugeben, was für die Arbeit mit
Holzstreichinstrumenten unabdingbar wichtig ist: Konzentration, ein
Blick für das Wesentliche, Detailverliebtheit, Traditionsbewusstsein.
„ Wir haben hier in Jugenheim mehr Muse und Ruhe für unsere Arbeit
als ein
Stadtgeigenbauer“,
sagt Kury. Und schmunzelt über die Nachfrage „Was ist ein Stadtgeigenbauer,
wo es doch gar keine Stadtgeigen gibt.“ Das sei ein Geigenbauer, der seine
Werkstatt in einer Stadt habe, bevorzugt in Nachbarschaft einer Musikhochschule. „Da
ist es dann belebter.“ Das wäre nichts für Krömmelbein und
Kury. Reparaturen an den Instrumenten, neue Saiten aufziehen – „das
gehört zwar zu unserem Job““, sagen die Beiden, die auch privat
ein Paar sind. Aber ihre beruflichen Pläne sehen anderes vor.
Wo das Reparieren der empfindlichen Instrumente Handwerk ist, gerät
der Bau etwa einer Geige zur Kunst. Holzstreicher selbst zu bauen,
ist die Passion der beiden Geigenbaumeister. Krömmelbein und
Kury geraten ins Schwärmen, wenn sie darüber sprechen.
Schnell ist von den unterschiedlichen Holzarten, von deren Spannung,
der diffizilen Lackierung die Rede. Der Laie erfährt, wie wichtig
mitunter jahrzehntelang abgelagertes Holz für den Instrumentenbau
ist, wie krass sich eine falsche Wölbung des Klangkörpers
auf die Ohren auswirken kann. Freilich auf jene Ohren, die geschult
sind und wo sich der Mensch zwischen den Ohren einen Sinn für
klangliche Differenzierungen entwickelt hat.
Die berufliche Reputation von Krömmelbein und Kury spricht für
eine solide Ausbildung. Kury wurde an der einzigen deutschen Geigenbauschule
in Mittenwald ausgebildet,
Krömmelbein
besuchte traditionsreiche Schulen in Mailand und in der Welthauptstadt
des Geigenbaus, in Cremona (Italien).
Die Werkstatt im sehr deutschen Jugenheim hält Details bereit.
Frisch lackierte, beinahe orange leuchtende Violinenkörper hängen
zum Trockenen über der Werkbank, Hobel gibt es bis hinunter
auf Kleinfingernagelgröße. Sie sind fein sortiert in hübschen
Holzkästchen, bei deren Anblick man sich fragt, worin sich die
größere Präzision manifestiert: in den schmucken
Holzschatullen oder in den darin befindlichen Mikrohobeln. Daneben
liegen exakt geschnittene Pinsel, ebenfalls bis hinunter auf Mikrogröße.
Wofür steht eine Krömmelbein-Kury-Geige? „Das kann
man schlecht selbst sagen“ winkt Kury ab. „Wenn man in
hundert Jahren über unsere Instrumente einmal sagen würde,
sie seien ‚groß klingend’, wäre das ein wunderbares
Kompliment.“ Die Alltagsziele sind da weniger prosaisch, aber
durchaus selbstbewusst. „Wir bauen Geigen für Konzertsolisten.“
Das versteckt liegende Atelier soll demnächst von außen
optisch stärker in das Bewusstein der Menschen rücken.
Eine Messinggeige, riesengroß und beleuchtet soll vor dem Haus
aufgestellt werden. Ein so ruhiges Handwerk muss ja irgendwie auf
sich aufmerksam machen.
Das „Atelier für Streichinstrumentenbau“ im Stettbacher
Tal 13 (Drachenmühle) in 64342 Seeheim-Jugenheim ist unter Telefon
06257 5049950 erreichbar.
Jürgen Buxmann
Der Bau einer neuen Geige dauert rund sechs Monate. Etwa dreihundert
Stunden wurden dann an dem Instrument gearbeitet. Rund 8.500 Euro
werden dafür fällig. Caroline Krömmelbein und Wolfgang
Kury reparieren auch Holzstreichinstrumente, erneuern etwa deren
Stimmstöcke, das Griffbrett oder die Saiten aus Pferdeschweifhaaren.
Die Jugenheimer Geigen werden bevorzugt aus Riegelahorn gefertigt,
dessen Holz in möglichst hohen Regionen gewachsen ist. Die
dortige Nährstoffarmut lässt das Holz dichter wachsen.
Die dadurch entstehende Festigkeit ist wichtig, weil im Geigenbau
mit Holzdicken zwischen nur 0,8 und 5 Millimetern gearbeitet wird.
(bux)